|
Im Kapitel Molekulargenetik - Mutationen
haben schon mal einen kurzen Überblick über die verschiedenen
Mutationsformen gegeben. Demnach kennt man 3 Mutationsformen:
- Genommutation
(Genom = Gesamtzahl der Chromosomen einer Zelle)
- Chromosomenmutation
- Genmutation
Die Genmutation
wurde dort ausführlich besprochen. Auch auf eine besondere
Genommutation, das Down Syndrom
wurde dort schon hingewiesen.
Bei den Genommutationen
hat sich die Gesamtzahl der Chromosomen verändert.
Die Ursachen sind sehr oft Meiosefehler bei der
Eizellen- und Spermaproduktion. Man schätzt, daß 1 von
5 Spermas einen solchen genetischen Defekt trägt. Häufiger
treten jedoch Fehler in der weiblichen Meiose auf.
Man unterscheidet 2 Formen bezüglich der Anomalien
in der Chromosomenanzahl:
Euploidie und Aneuploidie.
|
Euploidie
|
Aneuploidie
|
| Monoploidie |
einfacher Chromosomensatz; selten z. B. bei
männlichen Wespen
|
Nullisomie |
homologes Chromosomenpaar
fehlt
|
| Diploidie |
normaler zweifacher Chromosomensatz
|
Monosomie |
ein Chromosom fehlt
|
| Polyploidie |
3 x, 4 x, 5 x usw. vervielfachter Chromosomensatz
|
Trisomie |
ein homologes Chromosom
ist zu viel
|
Tritt eine komplette Vervielfachung der Chromosomen
auf, also z.B. 23 +23 +23 Chromosomen, spricht man von Euploidie
( im oberen Fall von Triploidie).
Die Zellen der meisten Organismen sind diploid,
d.h. sie besitzen 2 x den Chromosomensatz. Eine mehr als zweifache
Vervielfachung wird als Polyploidie
bezeichnet.
Fehlt dagegen ein Chromosom oder ist eines zu viel
vorhanden, nennt man dies Aneuploidie.
Fehlt ein Chromosomenpaar spricht man von Nullisomie.
Fehlt nur eines der beiden homologen Chromosomen wird dies als Monosomie
bezeichnet. Treten 3 Exemplare eines Chromosoms auf ist dies Trisomie.
In Abb. 69 sind
Chromosomenanomalien pro 106 Befruchtungen beim Menschen
aufgeführt. Statt Anomalie
spricht man auch von Aberration
(= Abweichung). 83% der Befruchtungen führen zu überlebensfähigen
Kindern, von denen 0,6 % Chromosomen-Anomalien aufweisen. Insgesamt
ist die Zahl der Chromosomenanomalien bei 106 Befruchtungen
ca. 8%! 50% aller Fehlgeburten
wird durch Chromosomenanomalien verursacht. Monosomien führen
meist zum Tod.

Bis 1956 war es fast unmöglich, Chromosomenanomalien
zu erkennen. Durch die Forschungen von Tjio
und Levan und weitere Erkenntnisse der folgenden Jahre war
es möglich die einzelnen Chromosomen durch spezielle Färbetechniken
sichtbar zu machen, (Bandenmuster) wodurch man sie anordnen, zählen
und Fehler erkennen konnte. Um Chromosomen zu identifizieren werden
sie in der frühen Metaphasen fixiert, entweder mit
- Giemsa
(G-Banding; siehe unten links) oder
- mit einem Fluoreszenzfarbstoff
(G,R-Banding)
(auf FISH klicken )
gefärbt, photographiert und nach Größe
angeordnet (= Karyogramm)

Beim G-Banding
lagert sich der Farbstoff in CG- reichen (hell) und AT-reichen (dunkel)
Bereichen des Chromosoms unterschiedlich an, so daß man die
Chromosomen nach dem Bandenmuster
unterscheiden kann.
Eine neue Methode des "Karyotyping" ist
die Anwendung von speziellen Fluoreszenzfarbstoffen,
die wiederum an bestimmte Stellen des Chromosoms binden. Mit Hilfe
variierender Farbstoffmengen hat jedes Chromosom spezielle Spektraleigenschaften.
Weiterhin werden Chromosomen heute mit Hilfe von
Fluoreszenz In-Situ
Hybridization (= FISH)
untersucht. Dies ist eine Methode, um bestimmte Bereiche eines Chromosoms
zu identifizieren. Kennt man z. B die Sequenz eines bestimmten Gens,
weiß aber nicht auf welchem Chromosom es liegt, kann man dies
mit FISH identifizieren. Dabei werden ebenfalls Fluoreszenzfarbstoffe
verwendet.
Mit diesen Methoden kann man heute Mutationen des
Genoms feststellen und genauer untersuchen.
Der normale Mensch hat einen Chromosomensatz /Zelle
von 46,XX oder 46,XY, siehe hier. (Ausnahme:
Gameten). Das bedeutet in jedem Zellkern sind 2 x 22 Autosomen und
2 Gonosomen.
Nachfolgend sollen einige häufige Genommutationen
angesprochen werden.
Trisomie 21 (Down-Syndrom) 47,XY +21 oder
47,XX +21
Beim Down-Syndrom
findet man im Karyogramm der Zellen 3 x das 21. Chromosom. Man unterscheidet
drei Formen des Down-Syndroms :
- die freie Trisomie
21 (95 %),
in allen Zellen ist das 21. Chromosom 3x vorhanden.
- die Translokationstrisomie
( 4 %),
Teile oder das ganze 21. Chromosom hängen am 14. oder 15.
Chromosom
- und das Trisomie-21-Mosaik
(1 %).
nur einzelne Zellen enthalten drei 21. Chromosomen.
Die Erbkrankheit ist die häufigste Ursache
geistiger Fehlentwicklungen. Die Krankheitsmerkmale wurde 1866 vom
englischen Arzt John Langdon Down (1828-1896) als erstem beschrieben.
Ihm war jedoch die Ursache des Zustandes unbekannt. Erst 1959 zeigten
Lejeune und seine Mitarbeiter in Paris, daß Menschen mit Down-Syndrom
ein zusätzliches Chromosom besitzen. Die Häufigkeit der Krankheit
ist ca. 1: 700 und steigt mit dem Alter der Mutter.(siehe Abb.
74)

Die Ursache liegt hauptsächlich daran, daß
die Meiose in den Ovarien der Frauen schon vor der Geburt beginnt
und erst viel später vor jeder Ovulation zu Ende geführt
wird. Auf diese Weise können Oozyten (Eizellen) 30 oder 40
Jahre in den Ovarien "lagern" und müssen so lange
versorgt werden.
Durch Altersprozesse, Lebensweisen bzw. Umweltbedingungen kann die
Meiose gestört werden. Das Risiko ist bei einer 45-jährigen
Frau 1: 46. 95% der Trisomien sind mütterlichen Ursprungs.
Bei circa 7% aller Menschen mit Down-Syndrom wird eine Translokations-Trisomie
21 gefunden. In 70% der Fälle ist diese neu entstanden, in 30% von
einem Elternteil mit einer balancierten Translokation ererbt. (siehe
hier)

Daneben treten weitere Trisomien beim Menschen
auf:
Trisomie 18 (Edward's
Syndrom ) 47,XY +18 oder 47,XX +18
Bei dieser Erbkrankheit, die ca. 1 : 8000 auftritt,
ist das 18. Chromosom verdreifacht, was Dr. John Edward 1960 zuerst
beschrieb. Die körperlichen Defekte sind deutlich schwerer
als beim Down-Syndrom. Die meisten Kinder sterben innerhalb des
1. Lebensjahres.

Trisomie 13 (Patau's
Syndrom ) 47,XY +13 oder 47,XX +13
Hier ist das 13. Chromosom verdreifacht (1 : 5000),
was Dr. Klaus Patau 1960 zuerst beschrieb. Die körperlichen
Defekte sind ebenfalls schwerer als beim Down-Syndrom. Die meisten
Kinder sterben innerhalb des 1. Lebensjahres.

Triploidie 69,XY 69,XX
Obwohl Triploidie z. B. Fischen verbreitet ist,
ist dieser Karyotyp beim Menschen kaum lebensfähig (< 2%
aller Befruchtungen; 0,1% werden lebend geboren). Die meisten Kinder
sterben innerhalb des 1. Lebensjahres. Ursache ist z. B. doppelte
Befruchtung einer Eizelle.

Ursachen der Trisomien und Monosomien:
Trisomien und Monosomien führen in den meisten
Fällen deshalb nicht zu überlebensfähigen Individuen,
da die bei der Trisomie die Balance der Genprodukte gestört
ist und bei der Monosomie die Auswirkung letaler Gene nicht kompensiert
werden kann.
Nondisjunktion
(= Nichttrennung) von Chromosomen in der Meiose sorgt für Tri-
oder Monosomien. Dabei kann die Nichttrennung sowohl in der 1. Reifeteilung
der Meiose als auch in der 2. Reifeteilung auftreten. Im
ersten Fall entstehen auf jeden Fall 2 Gameten mit doppeltem Chromosom
und 2, denen eines fehlt.
Tritt die Nondisjunktion in der 2. Reifeteilung
der Meiose auf, ist die Hälfte der Gameten normal, 25% enthält
ein Chomosom doppelt und 25% eines zu wenig. Kommt ein Gamet mit
doppeltem Chromosom zur Befruchtung ergibt sich Trisomie,
bei einer Befruchtung mit einem Gameten, bei dem ein Chromosom fehlt
entsteht Monosomie.

Um den Karyotyp zu analysieren, führt man
vor der Geburt entweder eine Fruchtwasseruntersuchung (Amniozentese)
oder eine Plazentapunktion (Chorionzotten-Biopsie)
durch. Weiterhin können noch bestimmte Proteine des Fötus,
die in den mütterlichen Kreislauf gelangen wie AFP
untersucht werden.
Analyse des Karyotyps aus dem Fruchtwasser
(Amniozentese)
In das Labor werden
etwa 20 ml Fruchtwasser eingesandt.
Analysetechnik:
Das Fruchtwasser beinhaltet in der Regel nur relativ
wenige Zellen, die sowohl fetalen als auch mütterlichen Ursprungs
sind. Zur Anreicherung und Selektion der fetalen Zellen wird das
Fruchtwasser im Labor in Kultur genommen. Nach ungefähr 12 bis 14
Tagen sind genügend ausschließlich fetale Zellen angereichert worden.
Die Chromosomen dieser Zellen werden präpariert, gebändert und zur
Erstellung des fetalen Karyotyps mit FISH herangezogen.

Aussagekraft der Analyse:
Mittels dieser Analyse können die häufigsten Erbkrankheiten
(wie z.B: Down-Syndrom, Patau-Syndrom, Edwards-Syndrom, Klinefelter
Syndrom, Turner Syndrom etc.) ausgeschlossen werden. Zusätzlich
kann anhand dieser Analyse jegliche Abweichung eines normalen menschlichen
Karyotyps nachgewiesen werden.
|