1.1 Fortsetzung Energie und Materie
     

Radioaktivität

Unter Radioaktivität versteht man den spontanen Zerfall der Atomkerne. Dies hat 1896 Henri Becquerel bei Uran entdeckt. Marie Curie entdeckte 1898 die Radioaktivität von Radium, Thorium und Polonium.
In der Natur sind es vor allem die schweren Atome, die zerfallen. Dabei wird radioaktive Strahlung emittiert. Diese besteht aus:

a-Strahlung (beschleunigte Helium-Kerne, +), wird durch Metallfolie oder Papier absorbiert
b-Strahlung (beschleunigte Elektronen, - oder Positronen +), geht durch 100x dickere Folien
g-Strahlung (extrem kurzwellige elektromagn. Strahlung), durchdringt cm dicke Bleiplatten.

Mit dem Experiment oben kann man Radioaktivität nachweisen. Die Strahlung radioaktiver Proben wird durch die geladenen Metallplatten unterschiedlich abgelenkt und schwärzt eine Photoplatte an unterschiedlichen Stellen. Die Ablenkung der a-Strahlung ist nicht so groß, wie die der b-Strahlung, was zeigt, daß schwerere Teilchen Bestandteile dieser Strahlung sind.
Einige radioaktive Substanzen emittieren Neutronen. Diese durchdringen andere Materialen problemlos, da sie keine Ladung tragen und nicht mit anderen geladenen Teilchen in Wechselwirkung treten können. Man hat festgestellt, daß die Elektronen der b-Strahlung nicht aus der Atomhülle kommen sondern durch Umwandlung von Kernteilchen entstehen. Ihre Energie ist wesentlich größer als die der Hüllelektronen.

Hier der Alpha-Zerfall von Uran:

Die Energie der b-Strahlung wird in eV angegeben. 1 eV (=Elektronenvolt) ist die Arbeit die notwendig ist, um die Ladung eines Elektrons durch eine Spannung von 1 Volt zu bewegen. 1 eV = 1.6 x 10-19 Joule.

Eine Million Elektronenvolt wird als 1 MeV geschrieben. 1 MeV = 106eV = 1.6 x 10-13 Joule.

Die radioaktiven Elemente variieren in ihrer Strahlung beträchtlich. Radium strahlt z.B. wesentlich schneller als Uran. E. Rutherford untersuchte den Zerfall der verschiedenen radioaktiven Elemente (1902) und machte diesen durch die Zerfallsgleichung berechenbar. (Nobelpreis 1908)

Zerfallsgleichung:

N = N0 · 2-t/T

N = Anzahl der nicht zerfallenen Kerne
N0 = Anzahl der ursprünglich vorhandenen Kerne
t = Zeit
T= Halbwertszeit

Ein wichtiger Begriff bei radioaktiven Zerfällen ist die Halbwertszeit.

Die Halbwertszeit ist die Zeitspanne, in der die Anzahl der Kerne (Zerfälle) auf die Hälfte des ursprünglichen Wertes gesunken ist.

Streuversuch von Rutherford

1911 veröffentliche Ernest Rutherford die Ergebnisse seiner Experimente mit a-Strahlen. In seiner Versuchsanordnung hatte er eine 0,004 mm dünne Folie aus Gold, Silber oder Kupfer mit a-Teilchen beschossen. Um die Folie herum hatte er einem Leuchtschirm installiert, der auf a-Strahlen reagierte (siehe Abbildung unten).

Als Ergebnis fand er, daß die a-Teilchen fast unbeeinflußt und geradlinig durch die Folie hindurchtraten. Daraus folgerte er, daß Atome aus einem Kern bestünden und die Elektronen sich in weitem Abstand darum bewegten.

Seit damals wird diese Vorstellung, die dann von Bohr wesentlich verfeinert wurde Rutherfordsches Atommodell genannt.

Radioaktive Elemente werden auch oft radioaktive Isotope oder Radionuklide genannt oder einfach Nuklide. Man kennt inzwischen über 1500 verschiedene natürliche und künstliche Nuklide. Oft werden Radionuklide durch das Elementsymbol und die Atommasse dargestellt.

Im Falle von radioaktivem Wasserstoff oder Tritium mit einer relativen Atommasse von 3 schreibt man H-3 oder 3H. Links sind die die Isotope von Wasserstoff abgebildet. Als Isotope bezeichnet man Atome, des selben Elements, die sich in der Massenzahl (= Protonenanzahl) unterscheiden.

Uran mit einer relativen Atommasse von 235 wird als U-235 oder 235U abgekürzt.

Hier einige stabile und instabile Isotope:

Element
Isotop
Vorkommen (%)
instabil
Wasserstoff
1H
2H
99.985
0.015
3H, Tritium
Kohlenstoff
12C
13C
98.89
1.11
z.B 14 C
Stickstoff
14N
15N
99.63
0.37
z.B 13 N
Sauerstoff
16O
17O
18O
99.75
0.037
0.204
z.B 15 O
Schwefel
32S
33S
34S
36S
95.00
0.76
4.22
0.014
z.B. 35 S

Schon Rutherford erkannte, daß man natürliche Isotope wie 14C und andere zur Altersbestimmung von Stoffen verwenden kann. Heute wird mit der radiometrischen Altersbestimmung (wie man diese Methode genau nennt) das geologische Alter von Fossilien oder Gesteinen bestimmt.
Das Isotop 14C wird bei der Radiocarbonmethode verwendet und eignet sich ca. 75 000 Jahre.
Bei Gesteinen nimmt man die Kalium-Argon Methode, bei Klimauntersuchungen 13C und 18O.


 

 

Abb.1.25
Henri Becquerel 1852-1908


 

Abb.1.26
Marie Curie 1867-1934



Nobelpreise Physik 1903, Chemie 1911

 

Abb.1.27
Ernest Rutherford 1871-1937


Nobelpreis 1908

 

Abb.1.28
Alpha-Zerfall von Uran

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abb.1.29
Zerfallsgleichung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abb.1.30
Streuversuch (Rutherford)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abb.1.31
Isotope des Wasserstoff

 

 

Hier einige natürliche Radionuklide
Nuklid Symbol Halbwertszeit Natürliche Aktivität
Uran 235
235U
7.04 x 108 J
0.72% des vorkommenden Urans
Uran 238
238U
4.47 x 109 J
99.2745% des vorkommenden Urans; 0.5 to 4.7 ppm Gesamturan in den allgemeinen Gesteinstypen
Thorium 232
232Th
1.41 x 1010 J
1.6 to 20 ppm in den allgemeinen Gesteinstypen
Radium 226
226Ra
1.60 x 103 J
0.42 pCi/g (16 Bq/kg) in Lehm und 1.3 pCi/g (48 Bq/kg) in Eruptivgestein
Radon 222
222Rn
3.82 Tage
Edelgas; jährliche Luftkonzentration in USA von 0.016 pCi/L (0.6 Bq/m3) to 0.75 pCi/L (28 Bq/m3)
Kalium 40
40K
1.28 x 109 J
Boden - 1-30 pCi/g (0.037-1.1 Bq/g)
Nuklide, durch kosmische Strahlung in der oberen Atmosphäre
Nuklid
Symbol
Halbwertszeit
Quelle Natürliche Aktivität
Kohlenstoff14
14C
5730 J
Wechselwirkung von kosm. Strahlen mit:14N(n,p)14C; 6 pCi/g (0.22 Bq/g) in organischem Material
Tritium 3
3T
12.3 J
Wechselwirkung von kosm. Strahlen mit: N and O; 0.032 pCi/kg (1.2 x 10-3 Bq/kg)
Beryllium 7
7Be
53.28 Tage
Wechselwirkung von kosm. Strahlen mit: N and O; 0.27 pCi/kg (0.01 Bq/kg)

a-Zerfall

Große Atome (wie z.B. von Uran) zerfallen meist durch Alpha-Zerfall, wodurch sich der Kern stabilisieren kann. Uran ist in der Erdkruste weit verbreitet und man findet es oft in Granit und Basalt. Beim a- Zerfall werden Heliumkerne (H2+) aus einem Atomkern emittiert. a-Emission reduziert die Anzahl Protonen um 2 und ebenfalls die Anzahl Neutronen im Kern um zwei.

Oben ist der Zerfall von Seaborgium (SG106) in Rutherfordium (Rf104) dargestellt, beides synthetische radioaktive Metalle mit Halbwertszeiten von ein paar Sekunden.

Beispiele sind:
(U= Uran, Ra= Radium, Rn= Radon, Th=Thorium, Po= Polonium)

238 U ------> 234 Th + 4 He + g-Strahlung 232 Th -----> 228 Ra + 4 He + g-Strahlung
226 Ra -----> 222 Rn + 4 He + g-Strahlung 222 Rn -----> 218 Po + 4 He + g-Strahlung

Beta-Zerfall

b-Zerfall tritt bei Kernen mit relativem Neutronenüberschuß auf. Ein b-Zerfall kann auf 3 verschieden Arten geschehen:

  1. Emission eines Elektrons und eines Antineutrinos (= Beta-Minus-Zerfall) oder
  2. Emission eines Positrons und eines Neutrinos ( Antipartikel vom Elektron und Antineutrino)(=Beta-Plus-Zerfall)
  3. Inverser b-Zerfall geschieht durch Einfangen eines Hüllelektrons durch den Kern

Der Beta-Minus-Zerfall ändert die Anzahl der Protonen und Neutronen im Kern dadurch, daß diese in einander umgewandelt werden (n1 => 1p1 + e- ) . Beim Beta-Plus-Zerfall wird ein Proton in ein Neutron umgewandelt (p1 => n1+ e+). Hier einige b-Zerfälle:

Oben der b-Zerfall von 14C in der Atmosphäre in Stickstoff. Das emittierte Elektron entsteht bei der Umwandlung eines Neutrons in ein Proton. Bei dieser Umwandlung entsteht ein sog. Antineutrino. Dieses Teilchen besitzt keine Ruhemasse und keine Ladung. (ne)

Oben der b-Zerfall von 18 F in 18 O zu sehen. Das emittierte Positron entsteht bei der Umwandlung eines Proton in ein Neutron . Bei dieser Umwandlung entsteht ein sog. Neutrino. Dieses Teilchen besitzt keine Ruhemasse und keine Ladung = Energie. (ne)

 

Weitere Beispiele:
(HWZ= Halbwertszeit; C=Kohlenstoff, I=Jod, N=Stickstoff, B= Bor, K= Kalium, Ar= Argon, Xe= Xenon, Rb= Rubidium, Co= Kobalt, Ni= Nickel, ):

Beta-Minus-Zerfall Inverser Beta-Zerfall
14 C -----> 14 N + e- (HWZ= 5730 Jahre) 40 K + e- ------> 40 Ar + Röntgen-Strahlung
131 I ----->131 Xe + e- + hn (Antineutrino) (HWZ= 8 Tage) 83 Rb + 1e- -----> 83 Kr + Röntgen-Strahlung
Beta-Plus-Zerfall
 
11 C => 11 B + e+ + hn (Neutrino)  

Gamma-Zerfall

Die Gamma-Strahlung ist eine Begleiterscheinung des a- und b -Zerfalls. Dabei geht der Kern aus einem angeregten Zustand in einen energieärmeren über. Es bleiben Kernladungszahl und Massenzahl unverändert.

Links ist die Gammaemission des radioaktiven Metalls Dysprosium dargestellt.
Beim Alpha-Zerfall ensteht immer Gamma-Strahlung, z.B beim Zerfall von Uran oder Radium.

Weitere Beispiele: 60 Co -----> 60 Ni + e- + 2 g-Strahlung und 131 I ------> 131 Xe + e- + g-Strahlung

Die Anzahl der Zerfälle /Sekunde oder die Aktivität einer radioaktiven Probe wird in Becquerel (Bq) gemessen, nach Henri Becquerel.

Ein Zerfall /Sekunde = 1 Becquerel.

Eine Ältere Einheit ist das Curie (Ci). Ein Curie ist ca. die Aktivität von 1 Gramm Radium und entspricht 3.7 x 1010 Becquerel.

Ein Rad ist die Dosis Energie, die 1 Gramm Gewebe absorbiert.
Rem (Röntgen-Äquivalentdosis) = Rad x Q.
g -Strahlung Q=1, b -Strahlung Q=1, Neutronen Q=5, a -Strahlung Q=20. 100 Rem = 1 Sv (Sievert)

Kernspaltung

1938 entdeckte Otto Hahn die Kernspaltung von Uran 235. Dabei wird Uran 235 mit Neutronen beschossen was sich dabei z.B. in Krypton 89 und Barium144 aufspaltet.

(235 U + 1 Neutron ----> 2 Neutronen + 92 Kr + 142 Ba + ENERGIE( 200 MeV) )

Die Spaltung von 1Kg 235U liefert eine Energie von ca. von 7,56·1013 J .

Diese Kernspaltung wird heute für die Herstellung von Kernwaffen und in Kernreaktoren zur Energiegewinnung verwendet. Die Forschung auf diesem Gebiet führte zu einer Menge künstlich radioaktiver Materialien.

Künstliche Radioaktivität in unserer Umwelt stammt insbesondere von den Kernwaffenversuchen der 60er Jahre (siehe unten), vom Reaktorunfall Tschernobyl, aber auch von Industrie, Medizin und Forschung. Nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl wurde bei uns mit der Nahrung z.B. radioaktives Cäsium-134 und Cäsium-137 aufgenommen.

Eine bemerkenswerte medizinische Anwendung der Radioaktivität ist die Positronen-Emissions-Tomographie (PET).Dabei werden verschiedene schwach strahlende Positronenstrahler, unter anderem Kohlenstoff (C11), Sauerstoff (O15) und Fluor (F18) z. B. als 18-Fluorodesoxyglukose (FDG). eingesetzt. Die Substanz gibt Positronen ab. Diese Positronen verbinden sich mit einem Elektron der Umgebung. Dadurch kommt es zur Emission zweier , einander um 180 Grad entgegengesetzter Gammaquanten, der sogenannten Anihilationsstrahlung. Diese Strahlung ist sehr energiereich. (Abb. 1.38 ein modernes PET-Gerät)

Durch einen um den Patienten angebrachten Detektorring werden diese Strahlen jeweils von 2 ,sich gegenüberliegenden Detektoren simultan erfaßt. Über komplizierte Bildrekonstruktionen kann der Ort des Nuklids im Körper und seine Verteilung bildlich dargestellt werden. Die Körperzellen resorbieren unterschiedliche Mengen des radioaktiven Zuckers, je nach der jeweiligen Stoffwechselrate der Zelle. Im Unterschied zu den meisten anderen bildgebenden Verfahren, die nur Einsichten in die Gestalt und Größe innerer Strukturen ermöglichen, liefert die PET-Methode auch Informationen über deren Stoffwechselaktivität.

 

 

 

 

 

Abb.1.32
Alpha-Zerfall



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abb.1.33
Beta-Zerfall



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abb.1.34
Gamma-Zerfall



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abb.1.35
Kernspaltung

 

Abb.1.36
Atombombenexplosion



Abb.1.37
Atomkraftwerk



 

Abb.1.38
Computertomograph

 

 

 

 

 

Weiterführende Quellen:

Radioaktivität: http://www.aip.org/history/curie/ und http://www.liv.ac.uk/Chemistry/Links/refrad.html
http://www.uni-bayreuth.de/ZT4/strahlenschutz/radioaktive_stoffe/radioaktivitaet/radioaktivitaet.htm
http://isotopes.lbl.gov/education/

http://library.thinkquest.org/17940/texts/radioactivity/radioactivity.html und
Radioaktiver Zerfallskalkulator: http://www.safety.ubc.ca/rad/calc/calcframe.htm

Kernspaltung: http://www.preussenelektra.de/935.html und hier

Atomarchiv: http://www.atomicarchive.com/main.shtml

Interaktive Physik: http://www.lightlink.com/sergey/java/index.html

Flammenfärbungen: http://library.thinkquest.org/3310/lographics/experiments/flmwatch.html

Infrarotspektroskopie: http://www.wag.caltech.edu/home/jang/genchem/infrared.htm