2.4.1 Radikale
 

Als Radikale (= freie Radikale) bezeichnet man Atome, Moleküle oder Ionen mit einem ungepaarten Elektron in einem Orbital. Dies sind meist Stoffe mit einer ungeraden Anzahl Elektronen. Eine Ausnahme ist O2, das mit einer geraden Anzahl Elektronen ein Diradikal ist. Manche Radikale sind stabil und langlebig wie z.B. O2, die meisten jedoch sind extrem reaktiv und instabil (Zerfall in ns). Das einfachste Radikal ist nach dieser Definition das H-Atom.

Mit der spektroskopischen Technik der Elektronenspin- Resonanz-Spektroskopie (ESR) kann man freie Radikale messen. Dabei werden Energieunterschiede des Spins festgestellt, die dabei auftreten, wenn ein ungepaartes Elektron in Wechselwirkung mit einem magnetischen Feld tritt.

Hier einige weitere Radikale:

OH·, HOO·, NO2, CH3O·, CH3OO·, Cl·, Br· usw.,

Die Radikalteilchen werden mit einem Punkt gekennzeichnet (z.B A·. In der Regel muß ein Radikal sein ungepaartes Elektron mit einem anderen Elektron paaren und reagiert deshalb mit einem anderen Teilchen, um das fehlende Elektron zu bekommen. Dadurch wird das kontaktierte Teilchen selbst zum Radikal.

Dies geschieht solange, bei ein Radikal auf eine weiteres trifft. Dann ist die Reaktion, die also als Kettenreaktion abläuft beendet.

Betrachten wir einige Radikale rund um den Sauerstoff mal genauer.

Normalerweise verbinden sich 2 Sauerstoffatome zu einem Sauerstoffmolekül mit einer Doppelbindung. Manchmal nimmt nun ein solches Sauerstoffmolekül ein Elektron auf und wird zum Superoxid-Radikal (siehe Abb. 2.4.2 rechts).

Nach der Orbitaltheorie ist die Elektronenkonfiguration von O2 :

1s2 1s*2 2s2 2s*2 1p4 3s2 1p*2

wobei die s und p -Orbitale bindende Orbitale sind und die s* und p* antibindende Orbitale darstellen. Bindende Orbitale sind für die Bindung der Atome verantwortlich, antibindende Orbitale sind für die Aufrechterhaltung des Bindungsabstandes zuständig. (Energieniveauschema O2 siehe hier)

Der Sauerstoff der Luft, den wir einatmen ist im Grundzustand und wird als 3O2 symbolisiert. Das Molekül ist ein freies Radikal, genauer ein Diradikal da es 2 ungepaarte Elektronen hat. Moleküle, deren Elektronenspin der Außenelektronen parallel sind ( ) sind im Triplettzustand. Solche Moleküle sind nicht sehr reaktiv, denn die parallelen Spins der Außenelektronen verhindern eine Bindung. Moleküle deren Elektronenspin der Außenelektronen antiparallel ist ( ) sind im Singulettzustand.
SpaceDurch Energieaufnahme (z.B. Licht) kann das reaktionsträge Triplett-O2-Molekül in das reaktive Singulett-O2-Molekül umgewandelt werden (1O2*). Der Stern deutet an, daß das Molekül energiereich ist. Dabei wurde der Spin eines Außenelektrons umgedreht, so daß Antiparallelität entstand.

 

Da sich ein Singulettzustand nicht direkt in einen Triplettzustand umwandeln kann hat das Singulett-O2 eine lange Lebensdauer und kann seine Energie durch Reaktion mit einem anderen Molekül abgeben und dadurch in den Triplettzustand übergehen.

Der Triplett-O2 kann auch durch Elektronenaufnahme in ein Superoxidmolekül umgewandelt werden (O2·-). Das Superoxidmolekül ist ein Radikal. Im menschlichen Körper reagiert Superoxid mit sich selbst und 2 Protonen zu H2O2 (Wasserstoffperoxid).

 

 

Abb. 2.4.1

Elektronenspin-Resonanz-
Spektroskop

 

Abb. 2.4.2
Sauerstoffradikal

 

Abb. 2.4.3
Nomenklatur

 

 

 

 

 

 

 

Abb.2.4.4
Carotin-haltige Nahrungsmittel

Carotinoide sind alle Carotin ähnlichen Farbstoffe.

 

In Gegenwart von Eisenionen (Fe2+) bildet sich aus H2O2 das gefährliche Hydroxil-Radikal (OH·). (Fenton-Reaktion).

Das Hydroxil-Radikal kann in den Zellen von Pflanzen und Tieren/Menschen organische Stoffe wie Fette, Proteine und sogar die Erbinformation DNA oxidieren und dadurch beschädigen. OH·-Radikale entstehen auch durch Photodissoziation von Wasser in der Stratosphäre.

H2O + hn OH· + H DH = +498 kJ/mol; l = 241 nm; OH· lebt 33 ms

Antioxidantien wie Carotinoide (Car; oranger Farbstoff in Gelberüben, Orangen, Fanta und Provitamin A; der Köper stellt daraus Vitamin A her (siehe unten)),

Die Vitamine A, C und E können Radikale vernichten, indem sie mit Ihnen reagieren (siehe rechts). (= Quenching; ein Quencher ist ein Resonanz- Elektronen- Überträger)
Die toxische Schädigung durch Sauerstoff kann den Alterungsprozess beschleunigen und ist möglicherweise ein Faktor bei Krankheiten wie Krebs, Herz-Kreislauf-Leiden, Arthritis und grauem Star. z.B. Ascorbinsäure mindert den Schaden durch Deaktivierung der organischen Radikale, die durch die Sauerstoff-Radikale erzeugt werden.

Abb 2.4.5

Strukturformel von b-Carotin
(unten)

Da wir solche komplizierten Moleküle noch nicht besprochen haben hier einige kurze Anmerkungen zur gezeigten Strukturformeln:
Wie man oben sehen kann sind oben kaum Atome ( wie C und H) angegeben sondern nur Sechsecke und eine Zickzack-förmige Kette. Dies ist eine vereinfachte Strukturformel, bei der man alle C- und H-Atome wegläßt. Hier ein Ausschnitt, bei dem alle C- und H-Atome eingezeichnet sind.

Dies ist ein internationale Strukturregel, da man ja weiß, daß C-Atome 4-wertig sind und im einfachsten Fall H-Atome gebunden haben.

 

Entgegen der landläufigen Meinung enthalten Orangen relativ wenig Vitamin C gegenüber Johannisbeeren, Sanddorn oder der mexikanischen Acerolakirsche.

Zum Abschluß des Überblicks zum Thema Radikale wollen wird noch einige Prozesse in der Atmosphäre zum Thema Ozon betrachten.

Ozon wird durch UV-Licht ( < 242 nm) in der Atmosphäre in ca. 25 Km Höhe gebildet. Dabei helfen O2- oder N2- Moleküle. Durch Absorption bestimmter Wellenlängen zerfällt es wieder. Dies nennt man den Ozonzyklus.

Dabei spielt das Hydroxilradikal für die Atmosphäre als reinigender Stoff die wichtigste Rolle. Es ist in der Troposphäre in Konzentrationen von 105 to 106 Moleküle/cm3 vorhanden und verwandelt Stoffe in wasserlösliche Form, die dann mit dem Regen auf die Erde kommen. Ausgangsreaktion ist der Zerfall von Ozon:

O3 + hn (280 < l < 315 nm) --> O(1D)* + O2

O(1D) ist ein angeregtes O-Atom im Singulettzustand. O(1D) und Wasser reagieren nun zu 2 Hydroxil-Radikalen.

O(1D)* + H2O --> 2 OH·

Hydroxil-Radikale können zum Beispiel mit Stickoxiden wie NO2 Salpetersäure bilden, die als saurer Regen auf die Erde kommt.

OH· + NO2 --> HNO3

Übrigens: ein Zug aus einer Zigarette enthält 1015 Radikale.

10 minütiges Zigarettenrauchen erniedrigt die Sauerstoffversorgung des Körpers und der Haut beinahe 1 Std. lang. Nikotin verengt die Blutgefäße und hindert dadurch das Blut daran, in die Kapillaren der oberen Hautschichten zu strömen. (The American Academy of Dermatology (www.aad.org), Energy Times, Jan. 1999)
SpaceDadurch wird die Kollagensynthese verlangsamt. Kollagen ist ein Bindegewebsprotein in der Unterhaut, deren Struktur für die Gesichtszüge und Elastizität verantwortlich ist. Die freien Radikale dringen weiterhin in die Haut ein und zerstören auf Dauer die Kollagenstruktur der Unterhaut. Die dauernde Veränderung der Kollagenstruktur sorgt frühzeitig für Falten, Zelltod und Hautalterung. UV-Licht beim Sonnenbaden sort ebenfalls für die Entstehung freier Radikale.

Die Gesichtsfalten 40-50-jähriger Raucher ähneln denen 60-jähriger Nichtraucher.

Antioxidantien wie die oben genannten Vitamine können den Tabak-induzierten Zelltod um bis zu 85% reduzieren. Deshalb und zur Radikalabwehr enthalten viele Gesichtskosmetika Retinol = Vitamin A.

 

Kosmetikserie mit Retinol
ältere Frau rauchend

 

Vitamin A

 
Abb.2.4.6
Vitamin C-haltige Lebensmittel

 

 

Abb. 2.4.7
Ozon

 

 

Abb. 2.4.8
Rauchen - Radikale

 

Abb. 2.4.9
Kollagen
Kollagen = Bindegewebsprotein;
sorgt mit dem Bindegewebsprotein Elastin für die Gesichtszüge und Elastizität der Haut. Kollagenfasern befinden sich in der Unterhaut = Dermis.

Abb. 2.4.10
Haut

Weiterführende Quellen:

chemische Bindung:http://www.imsa.edu/~ishmael/bonding/cb/index.html

Radikale: http://www.astaxanthin.org/oxidation.htm und http://www.geocities.com/bich107g1/

ESR: http://www.ph.tum.de/~kressier/Versuche/ver3407.html und http://www.ptb.de/de/org/6/62/6202/alanin/ala_esr.htm und http://www.chemistry.nmsu.edu/studntres/chem435/Lab7/intro.html

Ozonchemie: http://www.iup.physik.uni-bremen.de/troposphere/diplom/stoebener/theorie_chemie.html und http://faust15-eth.rz.uni-frankfurt.de/~rsch/1O2pp.html

Falten durch Rauchen: Kadunce DP, Burr R, Gress R, et al. Cigarette smoking: risk factor for premature facial wrinkling. Ann Internal Medicine. 1991; 114:840-844.
Ernester VL, Grady D, Miike R, et al. Facial wrinkling in men and women, by smoking status. Am Journal Public Health. 1995; 85:78-82. http://www.dcmsonline.org/jax-medicine/1997journals/july97/bernhardt.htm und
http://www.jrussellshealth.com/smokwrink.html

Atomarchiv: http://www.atomicarchive.com/main.shtml

3D-Molekülarchiv: http://www.nyu.edu/pages/mathmol/library/library.html

Maße: http://home.att.net/~numericana/answer/units.htm